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Chronische Krankheiten sind nicht immer chronisch

Chronische Krankheiten sind nicht immer chronisch

[18.10.2018]

Sandra Hintringer

Mit der Diagnose einer chronischen Erkrankung ist dem Patienten der Stempel der immerwährenden, zumindest aber einer langwierigen Krankheit aufgedrückt. „Da hilft eh nix“ oder „das haben bei uns alle in der Familie“. Solche Sätze kennen wir von unseren Patienten und doch möchte ich die Aufmerksamkeit auf das Machbare lenken. Das, was möglicherweise weit außerhalb der Vorstellungskraft der Betroffenen liegt. Einzig ein Funke Hoffnung kann die Chance auf Heilung oder zumindest Verbesserung des Zustandes, erhöhen. Es ist unsere Aufgabe als Therapeuten, diesen Funken zu entfachen. Um dem Patient bereits nach der Erstanamnese eine realistische Prognose geben zu können, ist eine genaue Auseinandersetzung mit Chronifizierungen unabdingbar. In diesem Beitrag geht es um die Frage, ob chronische Krankheiten wirklich immer chronisch sind oder ob es bei einzelnen Syndromen und Symptomen nicht doch auch Ansätze zu Verbesserung und Heilung gibt.

Begriffsklärung chronische und schwerwiegend chronischer Erkrankungen
Es gibt keine einheitliche Definition von chronischen Krankheiten. Man geht davon aus, dass es sich um langwierige, das heißt 3 – 12 Monate dauernde, manchmal auch unheilbare Umstände handelt.
Als schwerwiegend chronisch gilt eine Krankheit, wenn sie wenigstens ein Jahr lang, mindestens einmal pro Quartal ärztlich behandelt wurde, zusätzlich noch eine Pflegebedürftigkeit oder eine Behinderung vorliegen oder regelmäßige Behandlungen stattfinden, ohne welche sich der Zustand lebensbedrohlich verschlechtern würde. Diese Einteilung nutzen vor allem Krankenkassen zur Ermittlung und Erteilung von Kosten.
Man muss in der medizinischen Betrachtung also klar zwischen chronisch und schwerwiegend chronisch unterscheiden.

Folgende Krankheiten werden als chronisch eingestuft:

  • Herz-Kreislauferkrankungen wie Bluthochdruck, Koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz,
  • Atemwegserkrankungen wie COPD, Asthma, Emphysem,
  • sämtliche Krebserkrankungen
  • psychische Erkrankungen wie Depressionen, Sucht oder Schizophrenie
  • Stoffwechselerkrankungen wie Gicht, Diabetes mellitus
  • Erkrankungen des Verdauungstraktes (Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
  • Erkrankungen des Bewegungsapparates (chronisches Schmerzsyndrom, Rheuma, Fibromyalgie)
  • Morbus Sudeck

Im Gegenzug zu schwerwiegend chronisch gibt es noch die Sparte der subchronischen Verläufe, welche durch einen eher milden Verlauf gekennzeichnet sind.
Als chronisch progredient bezeichnet man hingegen Erkrankungen, in deren Verlauf es zu fortlaufender Verschlechterung der bestehenden Symptome kommt. Als Beispiel dienen hier stellvertretend für viele andere Erkrankungen Multiple Sklerose oder Morbus Parkinson.

Die osteopathische Betrachtung von chronischen Krankheiten
Rein osteopathisch betrachtet interessiert mich in Hinsicht auf den Heilerfolg nicht zwingend, wie lange der Patient in ärztlicher Untersuchung ist oder in welche Form von chronischer Erkrankung er eingestuft ist. Mich interessieren in erster Linie die Ursachen seiner Symptome. In diesem Kontext erhebe ich die Frage, ob strukturelle Veränderungen am Körper existieren, denn dann gerät die Osteopathie klar an ihre Grenzen. Oder handelt es sich möglicherweise um ein funktionelles Problem, welches osteopathisch angegangen werden kann und Anspruch auf Heilung in sich trägt?

Chronifizierung kann ein Anzeichen dafür sein, dass die körpereigenen Regulationssysteme überfordert sind und der Körper dekompensiert. Die Antwort darauf sind zunächst leichte, später schwerwiegende Symptome in Form von allen oben genannten Krankheiten.
Ziel der Osteopathie ist es, dem Körpersystem Stück für Stück die Möglichkeit zurückzugeben, sich selbst zu heilen. Sicherlich kann man einem System nicht alle Störkomponenten abnehmen, doch je mehr der Mensch wieder mit Kompensationsfähigkeit ausgestattet ist, desto weniger chronisch wird sein Leiden sein.

Die Grundprinzipien der Osteopathie
Der Begründer der Osteopathie, Dr. Andrew Taylor Still, geht im Wesentlichen von vier Grundprinzipien aus:

  1. Der Körper ist eine Einheit aus Körper, Geist und Seele.
  2. Der Körper besitzt Selbstregulationsmechanismen. Im innewohnende Fähigkeiten sind Abwehr, Reparatur und die Möglichkeit der Umgestaltung.
  3. Struktur und Funktion bedingen sich gegenseitig.
  4. Unter der Berücksichtigung der ersten drei Prinzipien kann rationale Therapie stattfinden.

Rein strukturell betrachtet, berücksichtigen wir den Körper in drei osteopathischen Teilbereichen. Der Parietale Bereich umfasst das Skelettsystem mit den zugehörigen Strukturen. Der Viszerale Bereich beinhaltet alle Organe inklusive Gefäße sowie der dritte Teilbereich, das Craniosakrale System. Oberstes Ziel ist das Herstellen eines Alignement in den Strukturen, das passgenaue Zusammenspiel, das Lot. Alle Knochen, Gelenke, Muskeln, Bänder, Organe, Nerven, Blut- und Lymphgefäße müssen von Blockaden in sich befreit und in Relation zueinander gebracht werden. Die Behandlung kann nur im funktionellen Zusammenhang langfristig wirksam sein.

Wenn das Alignement erstellt ist, erfüllt sich automatisch die wichtigste osteopathische Aufgabe. Wir brauchen funktionierende Gefäße. Alle zu- und ableitenden Gefäße müssen frei beweglich und hundertprozentig funktionsfähig sein. Insbesondere den Arterien geben wir viel Gewicht, denn sie sind es, die ausgehend vom Zentralorgan Herz jeden Bereich des Körpers mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Ein geschickt ausgeklügeltes „Bewässerungssystem“. Versagt es, reagiert der Körper mit Symptomen.

Doch selbst die Arterien sind darauf angewiesen, dass das sie umgebende Gewebe einwandfrei funktioniert. Ebenso unterliegen sie wiederum den Mechanismen des vegetativen Nervensystems. Sympatikus und Parasympatikus, welche Gefäße weit und eng stellen. Anteile des vegetativen Nervensystems verlaufen sehr nah an knöchernen Strukturen. Wie zum Beispiel der sympathische Grenzsstrang im Bereich der Brustwirbelsäule. Deshalb unterliegt auch das vegetative Nervensystem statischer Beeinflussung. Eine verstärkt kyphosierte Brustwirbelsäule triggert den sympathischen Grenzstrang. Dadurch entsteht mit großer Wahrscheinlichkeit eine vegetative Dysbalance im System.

Sind Zu- und Abläufe im Körper geregelt, müssen die entgiftenden Organe Leber, Milz, Nieren und Lungen einwandfrei arbeiten. Ebenso ist der Körper angewiesen auf neue Nährstoffversorgung, das heißt die nährstoffverarbeitenden – und aufnehmenden Organe wie Duodenum, Jejunum, Ileum müssen gut funktionieren. Schlussendlich unterliegen die Arterien noch dem Blutdruckregulierendem System aus Niere, Leber, Lunge, Karotis und Medulla oblongata. Jede noch so kleine Beeinträchtigung zieht Folgen für das gesamte System nach sich.
Dieses ausgeklügelte Zusammenspiel möchte ich nun gern an zwei Beispielen erläutern, das erste etwas ausführlicher, das zweite in Grundzügen.

Fallbeispiel: chronisches Schmerzsyndrom.
Eine fünfzigjährige Patientin klagt über Schmerzen im Nackenbereich. Die Beschwerden bestehen seit über 20 Jahren, tauchen direkt beim Aufwachen auf und bleiben den ganzen Tag bestehen. Wärme und normale Bewegung, wie kurze Strecken gehen oder leichte Hausarbeiten, lindern die Beschwerden etwas, dennoch sind sie ständig präsent. Die Anwendung von Physiotherapie in Form von Manueller Therapie brachte kurzzeitige Linderung, doch schon nach einigen Wochen waren die Schmerzen wieder da. Schmerzmittel wurden sukzessiv erhöht, dennoch wird nie Schmerzfreiheit erreicht. Mehrere Kuraufenthalte taten ihr zwar gut, brachten ebenfalls keinen langfristigen Erfolg. Die Patientin gilt als schuldmedizinisch austherapiert. Rehasport verschlechterte die Symptome und wurde abgebrochen. Anamnestisch berichtet sie über die Geburt ihres Kindes vor 25 Jahren unter Einsatz einer PDA, einer Appendektomie, einem unverschuldeten Radsturz mit Aufprall auf die Hände sowie der Operation der Nasenscheidewand vor einigen Jahren. Bis heute klagt sie über leicht veränderte Nasenatmung. Die Patientin arbeitet Vollzeit im Büro, die Tätigkeit besteht ausschließlich aus PC-Arbeit. Zum Ausgleich geht sie walken. Ihr Mann ist Monteur und nur am Wochenende zu Hause, nebenbei kümmert sich die Frau um ihre Mutter.

Die körperliche Untersuchung ergibt eine Dysfunktion, also Blockade im Halswirbelkörper C3, eine Dysfunktion der rechten Clavicula in Elevation, die obere Thoraxappertur ist nach links rotiert, LWK3 befindet sich in Dysfunktion, die Sakrumtorsion ist fixiert, die craniosakrale Ausdehnung zwischen Sakrum und Lendenwirbelsäule nicht spürbar, das Os ethmoid ist blockiert. Die Bewegungen der Halwirbelsäule sind faszial in beide Richtungen eingeschränkt, die Elevation der Arme ist beidseits nicht endgradig möglich, die Brustwirbelsäule ist kyphotisch fixiert. Der Fingerbodenabstand unzureichend.

Ursache – Folgekette
Prinzipiell sind wir immer auf der Suche nach der primären Dysfunktion, doch lässt sich diese im Fall dieser Frau klar definieren? Schon die Anamnese zeigt, dass es mehrere Faktoren gibt, welche die unterschiedlichen Systeme betreffen. Im sogenannten General Listening Test, bei dem die Tendenz der Faszien befundet wird, zeigt sich ein großer Gewebezug in Richtung des lumbosakralen Übergangs. Der vermutlich durch die PDA irritierte Bereich drückt sich, craniosakral betrachtet, nicht ausreichend aus. Das Gewebe rund um Sakrum und Lendenwirbelsäule wirkt starr, betonartig. Durch die Verbindung über die Dura mater in Richtung Os occiput kommt es auch hier zur Irritation. Das zwischen Os occiput und Os temporale liegende Foramen jugulare wird eingeengt, der aus diesem Foramen austretende Nervus accesorius dauerhaft irritiert. Dieser versorgt unter anderem den Musculus trapezius motorisch. Die anhaltende Irritation in diesem Bereich belässt den Musculus trapezius ständig im Hypertonus. Doch warum brachte der Rehasport eine Verschlechterung? Durch den gesteigerten Sauerstoffbedarf beim Sport, sowie die nach wie vor irritierte Nasenatmung greift der Körper auf Atemhilfsmuskeln wie den Musculus trapezius sowie den Musculus sternocleidomastoideus zu. Ein weiterer Faktor, der dem Nackenmuskel keine Ruhe gibt.

Und welchen Einfluss hatte der Fahrradsturz innerhalb dieser chronischen Schmerzgeschichte? Die Patientin berichtet, beim Fahren einer Linkskurve von rechts gerammt worden zu sein. Mit nach links rotiertem Rumpf stürzte sie auf den Asphalt. Ein harter Aufprall. Schock. Der Körper verharrt im Unfallmuster. Die hohe Faszienspannung schränkt im Laufe der Zeit die Halswirbelsäule in ihrer Bewegung ein. Nun ist es chronisch. Oder doch nicht?

Die genannten Blockaden werden mit osteopathischen Techniken gelöst, zum Schluss folgt noch die kurze Überprüfung der Nordic Walking Lauftechnik. Es ergibt sich ein kleiner Technikfehler im Ablauf der Armbewegung. Auch dieser wird korrigiert. Die Patientin erhält noch Übungen zur Beweglichkeitsverbesserung der BWS, welche zur Inhibition des Sympathikus führen.

Dieses Fallbeispiel zeigt im Wesentlichen zwei Dinge auf:
Der Körper bildet eine Einheit, in der alle drei großen Körpersysteme, parietaler, viszeraler und craniosakraler Bereich, untrennbar miteinander verbunden sind. Und unser Alltagsverhalten entscheidet maßgeblich darüber, ob sich krankmachende Tendenzen im Körper eher verstärken oder durch gezieltes Behandeln und Umtrainineren der Bewegungsprogramme wieder auflösen.

Zweites Fallbeispiel: Depression
Eine 35-jährige Patientin hat mehrere stationäre Aufenthalte in psychosomatischen Kliniken hinter sich. Derzeit läuft eine ambulante Psychotherapie. Sie ist verheiratet, seit 3 Jahren Mutter, die Entbindung geschah per Notkaiserschnitt. Sie klagt über Atemenge in der Brust, Antriebslosigkeit, Strukturverlust im Alltag sowie massive Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Seit Monaten ist sie krankgeschrieben und kann sich überhaupt nicht erklären, warum sie in solch einen Zustand geraten ist. Noch vor wenigen Jahren ging es ihr blendend. Sie hatte einen großen Freundeskreis, war erfolgreich in ihrem Job im Bereich Marketing.

Die körperliche Untersuchung ergibt: Grundlegend zeigt die Patientin eine altersgerechte Beweglichkeit in der allgemeinen Bewegungsprüfung. Das Zwerchfell steht in Ausatemstellung, der viszerale Bereich wird überhaupt nicht beatmet, der thorakale Bereich nur sehr flach. Der craniosakrale Rhythmus ist an keiner Stelle des Körpers fühlbar. Die Synchondrois sphenobasilaris, also die Schädelbasis, massiv blockiert. Der Schädel wirkt wie ein Stein. Zudem wirkt die Frau im Gespräch abwesend, teilweise tauchen Wortfindungsstörungen auf.

Vermutlich befindet sich die Frau aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse beim damaligen Notkaiserschnitt immer noch in einem schockähnlichen Zustand. Das Lösen von Kreuzbein sowie Schädelknochen, das Erstellen eines funktionierenden Craniosakralrhythmus, lässt den Organismus zumindest physisch wieder in die Vitalität kommen. Das Verbessern der Atemdynamik über das Zwerchfell lässt die Atemenge in der Brust verschwinden. Doch mit Vertiefung der Atmung kommt die Frau emotional mehr in Kontakt mit dem Geschehenen. Mehrere klärende Gespräche schließen sich an. Allein die achtsame Präsenz im Gespräch lässt die Frau wieder neuen Mut und Kraft schöpfen. Alle oben genannten Symptome lösen sich auf und schon bald kann die Frau ihrem geregelten Leben wieder nachgehen.

Fazit
Das Prinzip der osteopathischen Therapie ist immer dasselbe: Ein achtsames, jedoch konsequentes Abtasten des Bio-Psycho-Sozialen Modells mit all seinen Facetten. Beileibe können Osteopathen nicht jedes körperliche Leid beenden, jedoch fast immer dem Körper zu mehr Kraft verhelfen, damit er mit bestehenden Symptomen besser agieren kann. Daher lohnt es sich immer, chronische Krankheiten osteopathisch mitzubetreuen.

 
Wissenswert
Glossar
Als Heilkunde darf Osteopathie in Deutschland nur von Ärzten und Heilpraktikern ausgeübt werden. Eine qualitätsgesicherte Ausbildung in Osteopathie für Nichtärzte dauert berufsbegleitend in der Regel 5 Jahre und umfasst mind. 1350 Unterrichtsstunden.
Die Berufsvereinigung für heilkundlich praktizierte Osteopathie, hpO, vermittelt ausschließlich Therapeuten, die Osteopathie qualitäts- und rechtssicher praktizieren (Quelle: www.hpo-osteopathie.de).

Sandra Hintringer
praktiziert als Heilpraktikerin in ihrer Praxis für Osteopathie, Yoga und Soomatic Experiencing in Potsdam.
Kontakt: info@osteopathie-hintringer.de

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